Nagib Machfus‘ Kairoer Trilogie
„Warum tust du dir das an?“ fragt die Schwägerin im gemeinsamen Frankreich-Urlaub, als ich ihr aus dem 1. Band der Kairoer Trilogie des Literaturnobelpreisträgers Machfus etwas vorlese. Ein Roman, in dem Frauen unterdrückt, ins Haus gesperrt werden, der vor patriarchalischer Doppelmoral und Heuchelei nur so trieft. Wie kann man so etwas lesen – und dann auch noch mit Genuss? – Tja, liebe Schwägerin, da muss ich etwas ausholen, das lässt sich nicht in anderthalb Sätzen erklären.
Zunächst einmal: worum geht es, was ist der Plot? Eine Kairoer Kaufmannsfamilie – Abd al-Gawwad – wird über drei Generationen porträtiert, der Patriarch Ahmed nimmt dabei eine prominente, ja die alles andere überschattende Rolle ein. Ihre inneren Bezüge werden sichtbar, das Geflecht familiärer Abhängigkeiten, Vorlieben, Ängste und tiefsitzender Ressentiments.
Liebe – kann man von Liebe sprechen? Am ehesten noch den Kindern und Enkeln gegenüber, unter den Eheleuten eher nicht; hier handelt es sich um Ergebenheit und emotionale sowie wirtschaftliche Abhängigkeit. Politik – spielt sie eine Rolle? Ja, die äußeren Ereignisse, Umstürze, die Herrschaft der Engländer, alles was Ägypten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt hat, wird mitgeteilt und webt sich in die Familienschicksale hinein, am eindrücklichsten, als der mittlere Sohn Fahmi am Ende des 1. Bands stirbt, erschossen während einer Demonstration.
Die anderen beiden Söhne, die unterschiedlicher kaum sein könnten, ebenso wie die beiden Töchter, sind dem Vater, trotz zeitweiliger Solidarität mit der Mutter, in absolutem Gehorsam verbunden. Erst als sich Jasin, der Älteste, mit derselben Lautenspielerin namens Zanuba einlässt, die auch die langjährige Mätresse seines Vaters ist, kommt ein anderes Element ins Spiel – Ironie. Sie prägt über weite Strecken das Erzählen des Autors, im Sinne des großen Erzählers Thomas Mann, eine Ironie, die „voller Zärtlichkeit ist für das Kleine“.
Dieser Ton ist es, der mich für Nagib Machfus einnahm und die drei „dicken Schinken“ lesen ließ, ohne erheblich zu ermüden, auch wenn viele Begebenheiten in epischer Breite geschildert werden. Dies lässt jedoch das Ägypten des vergangenen Jahrhunderts so lebendig werden, nicht umsonst sind die drei Romane „Zwischen den Palästen“, „Palast der Sehnsucht“ und „Zuckergässchen“ nach Orten benannt, in denen sich die Handelnden zuhause fühlen, die sie aber auch regelmäßig fliehen.
So spricht die Frau des Hauses, Amina, diese Worte zum Tod ihres Mannes:
„Wie sehr hätte ich mir gewünscht, meinen Gebieter bis ans Ende mit all seiner Kraft zu erleben. Nichts schmerzte mich mehr, als ihn bettlägerig zu sehen. Dieser Mann, für den die Welt immer zu eng war!“
Und es ist diese Kraft, die alle drei Romane durchzieht und die sie zu einem lesenswerten Vergnügen macht.
Rezension: Claudia Legatis
Die Trilogie ist als dreibändige Taschenbuchausgabe (Unionsverlag) für den Gesamtpreis von 12,00€ im Antiquariat Buchbasalt erhältlich
